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Veganismus ist keine Ernährungsform

vor 6 Tagen
6 Min. Lesezeit

Veganismus ist eine gelebte ethische Haltung


Was Veganismus ist, wird oft nicht verstanden. Das zeigt sich an vielen Berichten und an Aussagen wie: "Es kann doch jeder essen, was er möchte."


Was in Aussagen dieser Art steckt, ist die Annahme, dass es vegan lebenden Menschen darum ginge, bestimmte Lebensmittel nicht zu essen. Tatsächlich geht es beim Veganismus aber nicht um Lebensmittel, sondern um Lebewesen. Das ist ein entscheidender Unterschied. Dass die Lebensmittelauswahl dennoch eine wichtige Rolle spielt, liegt daran, was hinter diesen Lebensmitteln steht: das Ausbeuten und Töten empfindungsfähiger Lebewesen.


Auch dass es Menschen gibt, die sich unabhängig von ethischer Motivation pflanzlich ernähren, verändert nicht, was Veganismus ist. Veganismus ist immer ethisch und hat unter anderem eine pflanzliche Ernährung zur Folge. Aber eine pflanzliche Ernährung allein macht Veganismus nicht aus. Für vegane Menschen geht es also nicht darum, was ein Mensch isst, sondern wen ein Mensch isst. Und während wir essen können, was wir wollen, stellt sich die Frage, ob wir essen sollten, wen wir wollen.



Die Forderung nach gegenseitiger Toleranz



Ist Toleranz immer positiv?


Toleranz ist etwas, das oft fehlt und oft sinnvoll wäre. Wenn es um unterschiedliche Vorlieben und Lebensweisen geht, die niemandem schaden, ist Toleranz eine angemessene und wichtige Reaktion darauf. Aber nur weil vor allem in diesen Kontexten von Toleranz gesprochen wird, heißt das nicht, dass diese grundsätzlich positiv ist. Toleranz ist ohne einen stimmigen Bezug nicht wertvoll. Viele Menschen würden zustimmen, dass wir beispielsweise Gewaltanwendung, die nicht der Verteidigung dient, nicht tolerieren sollten. Es ist demnach nachvollziehbar, dass wir nicht grundsätzlich für alles Toleranz fordern sollten.


Der Veganismus richtet sich gegen Gewalt an Tieren. Dass Tierkonsum Gewalt bedeutet, wird ein Mensch, der nicht vegan lebt, vielleicht nicht so betrachten. Aber auch wenn die Opfer keine Menschen oder "beliebte" Tiere sind, bleibt es Gewalt an empfindungsfähigen Lebewesen. Eine Form der Gewalt ist es, jemanden gegen seinen Willen zu töten. Diese und weitere Formen der Gewalt geschehen für alle "Tierprodukte".


Die Frage, die sich stellt, ist demnach, ob diese Gewaltanwendung notwendig ist. Notwehr wäre zum Beispiel ein Fall, in dem sie das wäre. Notwendigkeit würde auch dort bestehen, wo Menschen ohne das Ausbeuten und Töten von Tieren nicht überleben könnten oder aus medizinischen Gründen darauf angewiesen wären. Das trifft jedoch nur auf sehr wenige Menschen und Situationen zu. Was für fast alle Menschen als Gründe bleiben, sind Gewohnheit, Konformität und Geschmacksvorlieben. Können diese Gründe Gewalt rechtfertigen?



Warum Toleranz hier keinen Sinn ergibt


Es kommt oft vor, dass Menschen, die nicht vegan leben, in etwa Folgendes sagen: "Ich toleriere deine vegane Ernährung, dann toleriere du auch meine."


Wer noch glaubt, es ginge beim Veganismus einfach um eine Ernährungsvorliebe, könnte annehmen, dies wäre eine Aussage der Art: "Ich toleriere deinen Musikgeschmack, dann toleriere du auch meinen." Und wer dies so empfindet, für den ergibt die Forderung nach gegenseitiger Toleranz folgerichtig Sinn. Wer aber weiß, was Veganismus tatsächlich bedeutet, sieht in dieser Aussage keine Forderung nach Toleranz für eine Ernährungsvorliebe, sondern eine Forderung nach Toleranz für Gewalt gegen empfindungsfähige Lebewesen.


Veganismus ist keine persönliche Angelegenheit. Es geht dabei nicht um die Menschen, die vegan leben, sondern darum, wie Tiere – also empfindungsfähige Lebewesen – in unserer Gesellschaft behandelt werden. Für das Tier spielt es keine Rolle, ob Person A oder Person B seine Ausbeutung und Tötung in Auftrag gibt. Für das Tier ist es entscheidend, dass niemand seine Ausbeutung und Tötung in Auftrag gibt. Deswegen ist es auch unsinnig, Veganismus als etwas zu betrachten, das nur die Person betrifft, die vegan lebt. Und deswegen ist es auch keine Toleranz, wenn jemand es hinnimmt, dass eine Person vegan lebt, für den eigenen Konsum aber selbst Gewalt an Tieren in Auftrag gibt.


Die Person, die Toleranz fordert, mag diese Gewalt für gerechtfertigt halten, sie kann aber nicht erwarten, dass eine vegane Person dies auch so sieht und demzufolge die Ausbeutung und Tötung von Tieren weder hinterfragt noch kritisiert, sondern sie einfach nur mitansieht. Veganismus bedeutet schließlich die Ablehnung dieser Gewalt gegen Tiere.


Um es zu verdeutlichen, hier ein Beispiel:


Zwei Menschen und ein Schwein sind anwesend. Die vegane Person sieht, dass das Schwein ein empfindungsfähiges Lebewesen ist und möchte es daher entsprechend behandeln und schützen. Die nicht vegan lebende Person sieht das Schwein als Ressource und möchte es essen, wofür sie es töten (lassen) muss. Sie sagt dazu: "Ich toleriere, dass du das Schwein nicht essen/töten willst. Toleriere du auch, dass ich es töten (lassen) und essen werde." Würde die vegane Person dieser Toleranzforderung nachkommen, also das Handeln der anderen Person nicht hinterfragen und kritisieren und somit keinen Versuch unternehmen, das Schwein zu schützen, stände dies im vollkommenen Gegensatz zu ihrer Ethik.


Auch wenn es diese Situation so nicht gibt, entspricht sie dem, was tatsächlich geschieht. Der Unterschied ist nur, dass das Schwein räumlich von den Menschen getrennt ist und es nicht nur um dieses eine Schwein, sondern um alle Tiere geht, die von Menschen nicht als empfindungsfähige Lebewesen, sondern als Ressourcen betrachtet und behandelt werden. Dabei benennt das Beispiel nur eine von vielen Formen der Gewalt, die Tiere dadurch erfahren.


Ich denke, es ist klar geworden, dass es keinen Sinn ergibt, von einem Menschen zu fordern, sich gegen die eigene Ethik zu stellen. Wer vegan lebt, ist der Auffassung, dass es nicht richtig ist, Tiere auszubeuten und absichtlich zu töten, wenn dies nicht unbedingt notwendig ist, zum Beispiel weil das eigene Überleben davon abhängt. Tiere als die empfindungsfähigen Lebewesen zu behandeln, die sie sind, ist der Kern des Veganismus.



Warum vegane Menschen die Toleranzforderung unterstützen


Nach allem, was ich hier gesagt habe, mag es widersprüchlich erscheinen, dass es teilweise vegane Menschen selbst sind, die Veganismus als persönliche Angelegenheit darstellen und mitteilen, dass es für sie in Ordnung ist, wenn andere Menschen nicht vegan leben. Ich kann nicht wissen, wie die individuellen Gründe dieser Menschen sind, aber ich kann beschreiben, was mir plausibel erscheint. Dabei beziehe ich mich ausschließlich auf solche Menschen, die tatsächlich vegan leben, also ethisch motiviert sind, nicht auf solche, die sich aus anderen Gründen pflanzlich ernähren, da in diesem Fall keine Unstimmigkeit vorliegen würde.

Es ist nicht einfach, in einer nicht veganen Welt vegan zu leben. Vegane Menschen sind eine Minderheit und werden überall damit konfrontiert, dass die Gewalt, die sie ablehnen, normal und von den meisten Menschen anerkannt ist. Nicht jeder Mensch kann es aushalten, mit seiner Haltung fast allen anderen Menschen zu widersprechen, und je nach persönlichem Umfeld kann der Gegensatz in der Ethik mehr oder weniger präsent und herausfordernd sein.


Veganismus in diesem Kontext zu etwas zu erklären, das rein persönlich ist, kann Schutz bedeuten, Schutz vor Konflikten und sozialer Ausgrenzung, Schutz der Harmonie in einer Verbindung zu einem Menschen, den man schätzt oder liebt, der aber nicht vegan lebt. Zudem kann es ein Weg sein, die Ohnmacht nicht zu fühlen, die man erlebt, wenn man Veganismus nicht nur als eigene Entscheidung begreift und dadurch stärker mit der Tatsache konfrontiert ist, dass Tiere weiterhin Gewalt durch andere Menschen erfahren.


Ich hoffe auf eine Zukunft, in der Menschen, die sich gegen Gewalt an Tieren aussprechen, dies nicht mehr als große Herausforderung erleben werden.



Richtet sich Veganismus gegen Menschen, die nicht vegan leben?

Bedeuten meine Ausführungen, dass vegane Menschen Menschen, die nicht vegan leben, ablehnen? Nein, das ist nicht der Fall. Es sind nicht die Menschen, die wir ablehnen, es ist eine Haltung und deren Konsequenzen, die wir ablehnen. Wir können und sollten trotzdem respektvoll miteinander umgehen.


Gleichzeitig ist es wichtig, eine Stimme für diejenigen zu sein, die nicht für sich selbst sprechen können. Denn um sie geht es, nicht um die Menschen, die vegan leben oder solche, die es nicht tun. Es geht darum, dass Lebewesen, die genauso wie wir Menschen Angst, Schmerz und Freude empfinden, jeden Tag für den menschlichen Konsum Gewalt erfahren. Nicht zu tolerieren, dass dies passiert, ist für die Tiere wesentlich, denn es geht dabei um ihr Leben. Und ich glaube, dass im Grunde auch viele Menschen, die noch nicht vegan leben, dies nicht tolerieren möchten.


Die meisten Menschen leben nicht von Geburt an vegan, sondern entscheiden sich im Verlauf ihres Lebens dazu. Es ist also möglich, seine Einstellung und sein Handeln zu hinterfragen und darüber nachzudenken, ob eine vegane Lebensweise den eigenen Werten entsprechen würde – nicht für die Menschen, die bereits vegan leben, sondern für die Tiere, die alle Individuen sind. Es geht um das eine Schwein, über dessen Leben wir bestimmen.



Ein Schwein steht dicht zwischen anderen Schweinen und blickt direkt in die Kamera. Im Ohr trägt es eine Markierung.


Foto: Dirk Gießelmann, soylent-network.com

Titelbild: Chuko Cribb, Unsplash

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