Der Wert der Entwicklung
- 29. Apr.
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 30. Apr.
In den letzten Wochen habe ich eine alte Kiste mit Briefen, E-Mails, Tagebüchern und Kassettenaufnahmen durchgesehen. Es war ein wenig wie eine Reise in die Vergangenheit. Dabei bin ich mir selbst begegnet.
Teilweise war ich erstaunt zu sehen, wie manches bereits vor Jahrzehnten präsent war. Es war auch schön zu erkennen, wie viel Entwicklung tatsächlich über die Zeit stattgefunden hat. Das zeigt sich mir bei einem Blick in vergangene Zeiten deutlicher als sonst. Dabei war es unangenehm, das zu sehen, womit ich mich heute nicht mehr identifizieren kann und was teilweise sogar konträr zu dem ist, was ich heute bin. Und obwohl ich eine gewisse Scham in Bezug auf diese Teile empfinde, ist mein aktuelles Ich offensichtlich daraus hervorgegangen.
Auch heute möchte ich mich gerne weiterentwickeln, und ich sehe, dass es einiges gibt, was der Veränderung bedarf. Dennoch kann ich mich mit mir identifizieren, ich bin mit mir im Einklang. Wenn ich also annehmen kann, was gegenwärtig ist, dann ergibt es Sinn, auch das anzunehmen, was früher war, denn es war ja Teil meines Weges zum Jetzt.
Menschen kommen nicht "vollendet" auf die Welt, Menschen sind immer in Bewegung. Und das bedeutet natürlich, dass wir nicht immer über die gleiche Reife verfügen und auch, dass wir "Irrwege" gehen und auch gehen sollten. Diese "Fehler" sind notwendig und demnach sinnvoll.
Es gibt Aspekte, die ich wirklich gerne früher schon verwirklicht hätte, und ich bin froh, dass ich sie schließlich integrieren konnte. Aber vieles waren einfach nur Eigenschaften, Einstellungen etc., die in Entwicklung waren, und das war in Ordnung so. Natürlich ist es jetzt genauso, denn ich bin immer noch im Wandel. Vermutlich werde ich also irgendwann in diese Zeit zurückblicken und mit manchem, was ich dann gewesen sein werde, nicht mehr übereinstimmen.
Ein Mensch ist eben nicht statisch. Ich würde sagen, es gibt eine Art Kern, der beständig ist, aber vieles darum ist variabel. Und so empfinde ich es auch, wenn ich zurückblicke. Ich erkenne mich wieder und auch nicht. In gewisser Weise sind alle meine Ichs über die Zeit verteilt Ausdruck meiner Selbst in verschiedenen Entwicklungsstadien. Etwas in mir ist in allen diesen Ichs. Mit der Zeit umfasse ich mehr als am Anfang. Und doch ist auch das Zukünftige bereits im Vergangenen angelegt.
Wenn ich mir vorstelle, dass es anders wäre, also dass wir zur Welt kämen als statische Wesen, dann wäre das ziemlich uninteressant. Ich frage mich, inwiefern es dann Erfahrung gäbe, denn Erfahrung bedeutet ja auch immer, beeinflusst zu werden. Wären wir statisch, würde uns aber nichts beeinflussen und verändern können. Wir wären ja immer gleich. Ich bin froh, dass es nicht so ist, sondern dass das Leben eine Entwicklungsreise ist.
Der Wert der Entwicklung liegt in der Fülle an Erfahrungen, die wir dadurch erleben können, an dem Interagieren mit unserer Umgebung, daran, wirklich berührt zu werden von dem, was uns umgibt und von dem, was wir erleben. Wir haben auch die Möglichkeit, uns zumindest innerhalb eines gewissen Rahmens immer wieder neu zu erfinden und zu entdecken. Wir sind in Beziehung mit dem Leben. Vielleicht ist Entwicklung einfach Ausdruck von Lebendigkeit.
Heute bin ich nicht mehr die, die ich früher war, aber es ist schön, dass ich schon so viel gewesen bin und noch so vieles sein werde.
Fotos/Bilder: Maren Zellmer


